Assimilation ist keine Entnationalisierung
Warum diese Begriffe nicht synonym sind – und warum ihre Vermischung politisch gefährlich ist
Einleitung
In vielen politischen Debatten wird der Begriff Assimilation verwendet, als wäre er gleichbedeutend mit Entnationalisierung. Diese Gleichsetzung ist analytisch falsch. Sie vermischt zwei grundverschiedene Prozesse und verschleiert zentrale Machtverhältnisse. Der vorliegende Text argumentiert, dass Assimilation und Entnationalisierung weder begrifflich noch strukturell identisch sind – und dass ihre Vermischung insbesondere im kurdischen Kontext zu schwerwiegenden Fehlinterpretationen führt.
1. Begriffsbestimmung: Was Assimilation ist – und was nicht
1.1 Assimilation
Assimilation bezeichnet einen Prozess der kulturellen, sprachlichen oder sozialen Angleichung an eine dominante Mehrheitsgesellschaft oder Staatsnation. Entscheidend ist dabei:
Assimilation betrifft Praxis, nicht zwingend Existenz
Sie kann partiell, graduell und reversibel sein
Sie setzt voraus, dass eine Gruppe als Gruppe existiert, auch wenn sie sich angleicht
Assimilation kann stattfinden, ohne dass eine nationale Identität vollständig aufgegeben wird. Menschen oder Gruppen können assimilierte Lebensweisen entwickeln und dennoch ihre nationale Zugehörigkeit bewahren – individuell wie kollektiv.
Assimilation ist daher kein ontologischer Vernichtungsprozess, sondern ein sozialer Anpassungsprozess.
1.2 Entnationalisierung
Entnationalisierung ist etwas grundsätzlich anderes. Sie bezeichnet die Aberkennung, Zerstörung oder Verweigerung nationaler Existenz.
Kennzeichen von Entnationalisierung sind:
Leugnung der Nation als legitime Einheit
Unterbrechung oder Verhinderung nationaler Kontinuität
Ersetzung der Selbstdefinition durch staatliche Fremddefinition
Verbot, Delegitimierung oder Pathologisierung nationaler Ausdrucksformen
Entnationalisierung zielt nicht auf Angleichung, sondern auf Nicht-Existenz.
2. Der strukturelle Unterschied
Der Unterschied lässt sich klar formulieren:
Assimilation verändert Formen des Lebens.
Entnationalisierung negiert die Grundlage des Seins.
Oder anders:
Assimilation sagt: „Werd wie wir.“
Entnationalisierung sagt: „Du bist nichts Eigenes.“
Assimilation setzt eine Nation voraus, die sich angleichen kann.
Entnationalisierung setzt genau dort an, wo diese Voraussetzung zerstört wird.
3. Warum Assimilation nicht automatisch zur Entnationalisierung führt
Die verbreitete Annahme, Assimilation führe zwangsläufig zur Entnationalisierung, beruht auf einem Kategorienfehler.
Assimilation kann:
kulturelle Praxis verändern
Sprache verdrängen
soziale Normen umformen
Aber sie muss nicht:
nationale Existenz leugnen
kollektive Selbstdefinition verbieten
historische Kontinuität auslöschen
Zahlreiche Nationen haben Phasen intensiver Assimilation durchlaufen, ohne ihre nationale Existenz zu verlieren. Assimilation ist daher kein ausreichendes Kriterium für Entnationalisierung.
4. Der kurdische Sonderfall: Warum der Assimilationsbegriff hier scheitert
Im kurdischen Kontext wird häufig von Assimilation gesprochen, um Phänomene wie Sprachverlust, staatliche Identitätsübernahme oder kulturelle Anpassung zu beschreiben. Doch diese Beschreibung greift zu kurz.
Das zentrale Problem ist nicht, dass Kurden sich an dominante Staaten angepasst haben, sondern dass ihre nationale Existenz systematisch bestritten wurde.
Der Staat sagt nicht:
„Ihr seid Kurden, aber werdet Teil unserer Nation.“
Sondern:
„Ihr seid keine Nation.“
Damit verschiebt sich der Prozess von Assimilation zu Entnationalisierung.
5. Warum der Fehler politisch relevant ist
Die Gleichsetzung von Assimilation und Entnationalisierung hat konkrete Folgen:
Verschiebung von Verantwortung
Entnationalisierung erscheint als „kultureller Verlust“ statt als politischer Akt.
Individualisierung struktureller Gewalt
Betroffene gelten als „angepasst“ oder „assimiliert“, statt als Ziel systematischer Verweigerung.
Verharmlosung staatlicher Negation
Die Leugnung nationaler Existenz wird sprachlich entschärft.
Falsche Vergleichbarkeit
Situationen wie Armenien oder Aserbaidschan werden fälschlich auf den kurdischen Fall übertragen, obwohl dort andere Voraussetzungen bestehen.
6. Präzisere Begrifflichkeit als politische Notwendigkeit
Eine saubere Analyse erfordert saubere Begriffe. Für den kurdischen Kontext sind daher präzisere Kategorien notwendig:
Assimilation → kulturelle Angleichung
Zwangsnationalisierung → staatlich erzwungene Identität
Negation → Leugnung nationaler Existenz
Entnationalisierung → strukturelle Aberkennung einer Nation
Diese Differenzierung ist keine akademische Spielerei, sondern Voraussetzung dafür, Machtverhältnisse korrekt zu benennen.
7. Schlussfolgerung
Assimilation ist nicht Entnationalisierung.
Wer beides gleichsetzt, verwischt den Unterschied zwischen Anpassung und Auslöschung.
Im kurdischen Fall ist nicht die Assimilation das zentrale Problem, sondern die Verweigerung nationaler Existenz. Erst wenn dieser Unterschied begriffen wird, kann der Diskurs aus der Endlosschleife falscher Kategorien ausbrechen.
Oder kurz und unmissverständlich:
Assimilation kann verändern.
Entnationalisierung will verhindern, dass etwas überhaupt existiert.