“Auf deutschem Boden“
Sie sagten:
„Was willst du mit der?“
Ich war das „der“ in ihrem Satz –
nicht Derya,
nicht Mensch,
nur Ausschuss ohne Anspruch.
Der Mann meiner Tante:
„Du bist hässlich.“
Dann: „War nur Spaß.“
Doch der Schmerz war echt,
und der Spaß kam nie an.
Meine Mutter nennt mich krank.
Schizophren. Behindert.
Täglich.
Wie ein Fluch,
ausgesprochen mit deutscher Zunge
und anatolischer Kälte.
In Baden-Württemberg –
doch aus Nordrhein-Westfalen gekommen –
die,
die einst den Kopf meiner Tante
in eine Kloschüssel drückten,
als wäre sie nichts als Abfall.
Jetzt reden sie von Kultur,
von Regeln,
von Erziehung.
Die Rumänin,
die heute in keinem Krieg steckt,
sagte nur:
„Mit wem denn?“
Zu einer Frage,
die ich nie gestellt hatte.
Ich wollte nicht wissen,
welcher Mann sich umdreht –
sie wollte nur,
dass ich weiß,
dass keiner es sollte.
Der Ukrainer,
der einmal „Du bist hübsch“ sagte,
ist jetzt im Krieg.
Sein ganzes Volk.
Vielleicht kennt er jetzt den Boden,
auf dem ich schon lange liege.
Und dann Dänemark. Und Holland.
Ein afrikanischer fliegender Affe
und ein italienischer fliegender Affe.
Sie gingen weiter –
nicht nur mit Worten,
sondern mit Taten.
Sie stahlen mein Geld.
Sie stahlen meine Würde.
Nicht symbolisch.
Nicht gefühlt.
Sie haben es getan.
Wirklich.
Greifbar.
Zählbar.
Auf maltesisch-aschkenasisch-jüdischem Boden.
Ich war in der Aleviten-Gemeinde.
Doch dort war ich Luft.
Unsichtbar und zu viel zugleich.
„Was willst du mit der?“
Nicht mal ein Blick.
Ich wollte nichts.
Nur atmen.
Mal keinen Zigarettenrauch.
Nur einmal sein.
Nicht hübsch. Nicht süß. Nicht perfekt.
Nur unversehrt.
Aber selbst das
war zu viel für diese Welt.