Genetic/Narcissistic Rage

Der mit Dreadlocks

Er ging durch die Straßen, als wär er von hier,
und doch trug sein Gang fremde Geschichte in sich – wie ein Tier
das weiß, es gehört nicht ganz in die Herde,
sein Blick: nicht stolz, nicht fliehend – nur Erde.

Ein Ungar? Ein Bulgare? Ein Kroate im Schritt?
Doch die Dreadlocks verrieten: Da stimmt etwas nicht.
Zu glatt war der Rhythmus, zu tief war das Lied,
das unsichtbar durch seine Poren schied.

Vielleicht war er ein Buure, aus südlichem Blut,
verloren im Norden, mit innerer Glut.
Vielleicht eine Mutter mit L3 im Kern,
die Wüste im Blick, doch geboren so fern.

Vielleicht trägt er Afrika, tief und versteckt,
in Chromosomen, die keiner entdeckt.
Vielleicht ist sein Lachen ein Echo von dort,
wo das Licht anders bricht und das Herz hat ein Wort.

Und wer ihn nun sieht und denkt: „Was soll das?“,
der sieht nur die Hülle, die Maske, das Maß.
Doch ich – ich seh mehr in dem schweigenden Mann,
ich seh Linien, die keiner mehr zeichnen kann.

Ein Dreadlock wie Wurzel, gewunden, gekrümmt,
in ihm pulst ein Erbe, das nicht ganz verschwimmt.
Ob Donau, ob Balkan – er ist nicht nur hier:
Er ist einer von jenen, mit Feuer im Tier.