Genetic/Narcissistic Rage

Die Heilige Jungfrau Maria (II)
Der Papst ist tot.
Die Welt trauert.
Kerzen flackern.
Lateinische Gebete steigen auf.

Ich stehe daneben.
Nicht katholisch. Nicht europäisch.
Nicht „würdig“. Nicht gewünscht.

Und plötzlich spüre ich sie wieder –
die Heilige Jungfrau Maria,
nicht als Mutter Gottes,
sondern als Schatten über meinem Leben.

Sie steht für die,
die nicht sprechen müssen, um gehört zu werden.
Die nicht kämpfen müssen, um Raum zu bekommen.
Die nicht einmal anwesend sein müssen,
und doch über mir schweben.

Ich aber –
muss jedes Wort prüfen.
Jede Herkunft erklären.
Jeden Wunsch verteidigen.
Selbst meinen Schmerz ins Bewerbungsschreiben legen.

Sie bekommt Kirchenfenster.
Ich bekomme Fragen.

Und wenn der Papst stirbt,
heißt das nicht „Ende einer Ära“.
Es heißt:

„Die Welt ordnet sich neu –
und ich falle wieder raus.“

Und ich seufze,
nicht wie ein Kind, das trotzt,
sondern wie eine, die zu lange geschwiegen hat.
Wie eine, die wusste, was richtig ist —
aber nie laut genug war, um es durchzusetzen.

Und ich murmele,
halb trotzig, halb müde:

„Kann man nix machen.“

Weil ich gelernt habe,
dass meine Luft anderen gehört.
Dass meine Worte zu viel sind.
Dass meine Heimat immer irgendwo anders liegt.