Genetic/Narcissistic Rage

Heftenîn – das Blut der Berge
(Erweiterte Fassung)

Sie kamen in der Morgendämmerung,
mit Stahl in der Hand und Lügen auf der Zunge.
Und wir standen,
nicht aus Mut,
sondern weil wir keinen Ort zum Weggehen hatten.

Hay lê lê Heftenîn…
Sieben Male flüsterte die Erde,
und jedes Mal fraß sie einen unserer Brüder.
Wir schrieben unsere Namen nicht in Bücher –
wir ritzten sie in Felsen.

Şeşdara war nicht still.
Er brüllte wie ein Tier,
als der erste Mörser fiel.
Blut auf Blättern.
Knochen in Wurzeln.
Die Bäume trugen unsere Körper wie schlafende Kinder.

Und dennoch sangen wir.
Mit zerissener Kehle.
Mit letzter Stimme.

Zap, du trauriger Fluss.
Du wuschst die Schuld nicht fort,
du trugst sie nur weiter –
von Dorf zu Dorf,
von Mutter zu Mutter.
Die Kinder sahen dich kommen
und begruben ihre Gesichter im Schoß der Alten.

Sie gaben uns nicht Rojava.
Nein.
Sie gaben uns
Romiyan.
Den Zorn der Fremden.
Den Stahl ihrer Stiefel.
Den Verrat im Rücken.

„Schweig!“, sagten sie.
Aber wir sangen lauter.

Die Frauen, oh, die Frauen…
Sie banden sich die Haare,
nicht aus Eitelkeit,
sondern damit sie beim Kämpfen nicht im Weg waren.
Sie gaben ihre Kinder der Großmutter
und sagten:
„Wenn ich falle –
nenn sie bei meinem Namen.“

Die Verräter flohen bei Sonnenuntergang.
Sie trugen keine Waffen –
nur volle Taschen.
Und unsere Gedichte.
Sie stahlen sogar unsere Lieder.

Doch der Wind kennt den Unterschied.
Der Wind weiß, wer stand
und wer rannte.

Heftenîn – sieben Male sagten wir dich,
und sieben Male starben wir.
Doch der achte Ruf
liegt in der Kehle eines Kindes,
das noch sprechen wird.

Und Şeşdara hört ihn schon.