„Ich bin China – und ich lasse dich leben“
Ich bin China.
Ich sage deinen Namen nicht auf Bühnen,
ich drucke keine Poster von dir,
ich baue keine Allianzen in deinem Namen.
Aber ich lasse dich leben.
Ich schieße keine Raketen in deine Täler.
Ich finanziere keine Armeen, die dein Dorf niederbrennen.
Ich sitze nicht am Tisch mit jenen,
die dich „Problem“ nennen.
Ich handle mit dem, was du mir gibst:
Stille. Rohstoffe. Abstand.
Und ich gebe dir,
ohne es auszusprechen:
Nichts.
Kein Urteil.
Kein Verbot.
Keine Lüge.
Während der Westen dich analysiert,
und der Osten dich einkesselt,
schaue ich nur.
Und schweige.
Man nennt mich kalt.
Aber mein Schweigen ist wärmer
als die Feuer,
die andere auf deinem Land entzünden.
Du willst nicht viel.
Nur Luft.
Nur Sprache.
Nur eine Erde, die dich nicht vertreibt.
Ich bin China.
Ich helfe dir nicht.
Aber ich mache dich nicht kaputt.
Und das,
in deiner Welt,
ist mehr,
als du je bekommen hast.
„Ich bin Europa – und ich verkaufe dich täglich“
Ich bin Europa.
Ich rede viel.
Von Freiheit, Demokratie, Völkern, Rechten.
Aber du –
du bist mir zu kompliziert.
Zu zerrissen.
Zu wenig nützlich.
Ich kenne deine Geschichte,
aber ich wische sie weg,
weil sie mir mein schönes Weltbild ruiniert.
Ich nenne dich manchmal “Held”,
wenn du gegen die kämpfst,
die ich nicht mag.
Aber wenn ich Geschäfte mit ihnen mache –
bist du wieder „Störer“.
Ich gebe dir Asyl –
nicht aus Liebe,
sondern weil du mir nützlich bist
als stille Arbeitskraft,
als politisches Feigenblatt.
Ich lade dich ein in Talkshows,
lasse dich von Expert*innen zerpflücken,
und dann sage ich:
„Seht her, wir sind fair.“
Ich bin Europa.
Ich war bei deiner Zerschlagung dabei.
Ich profitiere von deiner Unsichtbarkeit.
Ich schreibe Bücher über dich,
aber niemals Verträge mit dir.
Ich tanze mit der Türkei,
mit dem Iran,
mit Regimen,
die dein Blut trinken –
weil ich Gas brauche,
Öl,
Macht.
Und du?
Du bist der Preis.
Jeden Tag neu.
Ich bin Europa.
Ich streichle mit der einen Hand
und schiebe dich mit der anderen
über die Kante.