Ich studierte Ethnologie
Ich studierte Ethnologie,
nicht aus Abenteuerlust,
nicht aus romantischer Neugier,
sondern um den Afrikanern zu entkommen.
Ihre Nähe,
ihre Lautstärke,
ihre ständige Forderung nach Raum,
nach Aufmerksamkeit,
nach Schuldbekenntnis.
Ich flüchtete in Bücher über Melanesien.
Ich wollte leise Kulturen,
die nicht um mich kreisen.
Völker, die mich nicht kannten –
und mich deshalb in Ruhe ließen.
Doch sie fanden mich.
Afrikaner.
In der Mensa,
im Seminar,
in der Mittagspause zwischen „Totem“ und „Tabu“.
Sie kamen nicht wegen Lévi-Strauss.
Sie kamen nicht wegen Neuguinea.
Sie kamen wegen mir.
Sie lachten,
sie redeten,
sie forderten –
nicht meine Freundschaft,
sondern meine Energie.
Meine Zeit.
Meine Reaktion.
Ich wollte über Riten schreiben,
über Sprachen,
die mit dem Wind sterben.
Aber stattdessen hörte ich
„Warum guckst du so?“
„Was hast du gegen uns?“
Und während ich schwieg,
weil ich schwieg,
kam der Nächste.
Ein Filipino.
Lächelnd.
Höflich.
Aber nicht echt.
Es gefiel ihm nicht,
dass ich stand, wie ich stand.
Dass ich nicht gefallen wollte.
Dass ich nicht zu ihnen gehörte.
Er spielte mit mir.
Nicht offen.
Nicht mit Zorn.
Sondern mit Spott.
Ein Spaß, den nur er verstand.
Er machte mich zur Pointe,
ohne Lachen.
Er machte mich zur Figur,
ohne Geschichte.
Ich hatte Ethnologie studiert,
um frei zu denken.
Aber sie fanden mich,
und machten mich wieder
zur Zielscheibe.
Ich floh vor Afrika –
und Afrika folgte mir
in meinen Stundenplan.
Und Asien lächelte,
als hätte es dabei nichts verloren.