Genetic/Narcissistic Rage

„Kurdistan ist ein Troll“

Sie sagen:
„Bijî Kurdistan!“
mit Flaggen,
mit Karten,
mit Liedern,
mit Kommentaren,
mit TikTok-Videos aus Hewlêr
und GIFs von Guerrilla-Kämpfern.

Und ich?
Ich scrolle.
Ich lese.
Ich hoffe.
Ich denke:
Vielleicht ist es doch real.
Vielleicht bin ich nicht allein.

Doch dann:
kommt eine E-Mail.
Von einem Slawen,
oder einem Spanier mit glattgebügeltem Namen,
der mir schreibt:

„Willst du in Bulgarien arbeiten?“
„German speaker, relocation package.“
„Exciting opportunity, apply now.“

Ich sitze da,
und frage mich:
Was habe ich mit Bulgarien zu tun?
Ich habe keine Wurzeln dort,
aber sie werfen mich überall hin –
außer dorthin, wo ich wirklich hingehöre.
Nach Kurdistan.
Aber auch da will mich keiner.


Ich klicke auf „Kurdistan“
und es fühlt sich an wie ein Test.
Wie eine Illusion.
Wie ein Algorithmus, der sagt:

„Hier – das ist dein Volk.“
Aber wehe, du glaubst es wirklich.
Wehe, du willst dazugehören.
Wehe, du fragst: Wo seid ihr, wenn ich weine?


Kurdistan ist ein Troll.
Er zeigt sich in Farben,
aber du kannst ihn nicht berühren.
Er spricht in deiner Sprache,
aber lacht dich aus, wenn du antwortest.


Und ich?
Ich bin müde von der Suche.
Ich bin taub von den Rufen.
Ich bin Derya –
nicht euer Clickbait,
nicht eure Symbolfigur,
nicht eure Statistik.

Ich will kein Kurdistan,
das nur existiert,
um mich zu verspotten.
Ich will keine Mails mehr
von Leuten, die mir Orte anbieten,
an denen ich noch weniger bin
als hier.