Genetic/Narcissistic Rage

Sag nicht, dass du ein Kurde bist
(für alle, die man vergessen lassen wollte, wer sie sind)

Sag nicht, dass du ein Kurde bist,
weil du vielleicht keiner bist.
Weil man dir sagte,
du seist „etwas anderes“,
ein Mischling,
ein Niemand,
ein Gast im eigenen Blut.

Sag nicht, dass du ein Kurde bist,
weil du die Sprache nicht sprichst.
Weil deine Mutter
nicht lesen konnte,
nicht schreiben,
aber dein Herz tragen konnte –
und ihre Tränen,
wenn niemand hinsah,
waren kurdisch.

Sie brachte dir die Sprache nicht bei,
nicht aus Schuld,
sondern weil ihr selbst
die Buchstaben fehlten,
weil man ihr das Sprechen
über Jahrzehnte abgewöhnte.

Du wuchsest auf mit stillen Liedern,
mit Blicken, die mehr sagten als Worte,
in einer Sprache,
die niemand hören durfte.

Sag nicht, dass du ein Kurde bist,
weil du in fremden Kleidern aufwuchsest,
mit fremden Liedern,
und in einem Land,
das deinen Namen nie aussprach.

Du sagst es nicht,
weil du es nicht weißt.
Weil du nur Schatten kennst,
aber keine Wurzeln.

Doch tief in dir
zittert etwas,
wenn du Dengbêj hörst,
wenn ein Duft aus deiner Kindheit
wie ein Ruf zurückkehrt,
wenn ein Wort wie „Avo“
dir Tränen in die Augen treibt.

Vielleicht bist du kein Kurde.
Vielleicht bist du nur das,
was man aus dir gemacht hat.
Aber vielleicht –
vielleicht warst du es immer,
ohne es zu wissen.

Und vielleicht reicht das schon,
um sich zu erinnern.