„Schwarzes Schaf mit klarem Blick“
Sie hat geweint
als die türkische Flagge flatterte,
nicht aus Schmerz –
aus Stolz.
Sie nennt sich Kurdin.
Doch der Stolz gehört dem Staat,
der unsere Sprache verbrennt.
Sie spricht von Afrika,
von der Türkei,
von allem,
nur nicht von sich.
Ihre Herkunft ist zu roh,
zu echt,
zu gefährlich für ihr Spiegelbild.
Denn wahre Wurzeln
tragen keine Make-up-Schicht.
Sie braucht den Anruf.
Von mir.
Nie von den anderen.
Ich soll sie bestätigen,
sie spüren lassen,
dass sie wichtig ist.
Und wenn ich es nicht tue,
werd ich zur Schuldigen erklärt.
Zur Kalten.
Zur Abartigen.
Zur Fremden.
Ich bin ihr schwarzes Schaf.
Das Tier,
das man in Geschichten opfert,
um die weiße Herde reinzuwaschen.
Doch ich folge keiner Herde.
Ich bin frei,
und das macht mich gefährlich.
Sie macht mich klein,
weil ich nicht krieche.
Weil ich ihre Bühne nicht betrete,
während sie im Rampenlicht
ihre Herkunft ausradiert.
Sie wird niemals stolz sein
auf das, was sie ist.
Sie wird glänzen wollen,
aber nie leuchten können.
Ich aber –
ich habe keinen Hass mehr im Herzen.
Nicht auf Afrikaner,
nicht auf den Wind,
nicht mal auf sie.
Ich habe nur
diesen brennenden Wunsch:
Nie mehr zu schweigen,
wenn jemand
sein Volk verkauft
und mich mit ihm.