Sterbenszeit
Wenn ich der Arzt meiner Feinde wäre,
würde ich die Nadel nicht setzen.
Ich würde den Druck nicht stoppen,
das Blut nicht stillen,
die Wunde nicht schließen.
Ich würde sitzen.
Still.
Wie sie saßen,
als ich gelitten habe.
Ich würde zusehen,
wie ihr Puls nachlässt –
nicht schnell,
sondern langsam,
genau wie ihr mich
langsam zerstört habt.
Ich würde keine Worte sagen.
Denn sie sagten auch keine,
als sie gingen,
als sie schlugen,
als sie mich Mann nannten
und meinten:
„Du bist falsch.“
„Du bist nichts.“
Ich würde ihnen
ihre eigene Kälte zurückgeben.
In Raumtemperatur.
Mit Blickkontakt.
Denn was ist Gerechtigkeit,
wenn nicht
das stille Zuschauen
beim verdienten Verbluten?