Genetic/Narcissistic Rage

Warum „Assimilation“ als Begriff bei Kurden oft falsch ist

In politischen und medialen Debatten wird „Assimilation“ häufig als Sammelbegriff verwendet, um Prozesse der kulturellen Angleichung, Entnationalisierung oder Identitätsverschiebung zu beschreiben. Dieser Text argumentiert, dass der Assimilationsbegriff in Bezug auf die kurdische Situation häufig analytisch unpräzise ist. Nicht, weil es keinen massiven staatlichen Druck gäbe – sondern weil die kurdische Lage strukturell nicht den Voraussetzungen entspricht, unter denen „Assimilation“ im klassischen Sinne sinnvoll angewendet werden kann. Der Text unterscheidet zwischen Assimilation (Angleichung innerhalb eines anerkannten Staatsrahmens) und Prozessen wie Negation, Zwangsnationalisierung und innerer Kolonisierung (Auflösung einer nationalen Existenz durch die Verweigerung ihrer Anerkennung). Ergänzend wird erläutert, warum der Begriff „Assimilation“ in bestimmten Kontexten – etwa in Armenien oder Aserbaidschan – eine andere begriffliche Passform besitzen kann als im kurdischen Fall.

1. Einleitung: Der Streit um Worte ist ein Streit um Realität

Das Wort „Assimilation“ klingt wie eine technokratische Beschreibung. Es wirkt fast neutral: eine Gruppe „gleicht sich an“; eine Kultur „geht auf“; eine Sprache „verschwindet“. Doch diese scheinbare Neutralität ist gefährlich. Begriffe sind nicht bloß Etiketten. Sie bestimmen, was überhaupt als erklärungsbedürftig gilt und was als „normaler“ Gang der Dinge erscheint.

Im kurdischen Kontext entsteht dadurch ein Problem: Wer „Assimilation“ sagt, importiert meist ein Modell, das von Staatlichkeit, Mehrheitsnation und institutioneller Angleichung ausgeht. Aber das kurdische Problem ist nicht primär, dass eine Minderheit sich in einer Nation „angleicht“. Das Grundproblem ist, dass eine Nation als solche nicht anerkannt wird – und ihre Existenz im Prinzip bestritten wird.

Das ist keine Wortklauberei. Wenn die falsche Kategorie benutzt wird, entstehen falsche Schlussfolgerungen: falsche Diagnosen, falsche Erwartungen, falsche „Lösungen“.

2. Begriffsdefinition: Was „Assimilation“ im klassischen Sinn voraussetzt

In der Sozialwissenschaft wird Assimilation häufig als Prozess verstanden, in dem eine Minderheit kulturelle Merkmale (Sprache, Normen, Praktiken, Selbstbezeichnung) der dominanten Mehrheitsgesellschaft übernimmt und dadurch in ihr „aufgeht“ oder von ihr absorbiert wird. Dieses Modell setzt (explizit oder implizit) mehrere Bedingungen voraus:

Ein stabiler staatlicher Rahmen: Es gibt einen Staat, der Normen und Institutionen bereitstellt.

Eine anerkannte Mehrheitsnation: Es existiert eine dominante nationale Erzählung, die als Standard gilt.

Eine erkennbare Minderheit: Die Minderheit wird zumindest als Gruppe adressiert (rechtlich, administrativ oder sozial).

Institutionelle Kanäle: Schule, Militär, Verwaltung, Medien, Arbeitsmarkt erzeugen Angleichungsdruck.

Eine Richtung der Angleichung: von der Minderheit zur Mehrheitsnorm.

Assimilation beschreibt in diesem Sinn also eine Angleichung innerhalb eines Rahmens, der bereits als „legitim“ feststeht.

Wichtig ist: In dieser Logik ist die Minderheit zwar benachteiligt – aber sie wird als gesellschaftliche Realität nicht grundsätzlich ausgelöscht. Sie ist da, sichtbar, verwaltet, kategorisiert.

3. Das kurdische Problem: Nicht Angleichung, sondern Verweigerung von Existenz

Hier liegt der Kern der kurdischen Argumentation: Für Kurden ist das zentrale Moment häufig nicht, dass eine vorhandene nationale Einheit „in etwas anderes überführt“ wird, sondern dass ihre nationale Existenz als Einheit bestritten wird.

Das kann sich ausdrücken als:

Negation: „Ihr seid keine Nation.“

Umetikettierung: Kurden werden als etwas anderes benannt (regional, sprachlich, „Berg-“ etc.).

Definition von außen: Zugehörigkeit wird nicht als Selbstdefinition anerkannt, sondern als Verwaltungskategorie.

Zwangsnationalisierung: Der Staat produziert nicht einfach „Integration“, sondern eine verpflichtende Staatsidentität.

Unterbrechung von Kontinuität: Sprache, Bildung, öffentliche Kultur werden so gesteuert, dass sich nationale Selbstverständlichkeit nicht bilden kann.

Das ist ein anderer Mechanismus als Assimilation im klassischen Sinn. Denn Assimilation (im strengen Modell) läuft so:

„Ihr seid eine Gruppe – und ihr sollt euch angleichen.“

Während die kurdische Struktur oft eher so funktioniert:

„Ihr seid keine legitime nationale Einheit – und ihr sollt als solche auch nicht vorkommen.“

Das ist nicht Angleichung. Das ist Verhinderung von nationaler Selbstverständlichkeit.

4. Warum die Existenz eines kurdischen Staates hier begrifflich relevant ist

Der Einwand „Wie kann man uns assimilieren, wenn wir keinen Staat haben?“ ist nicht naiv, sondern begrifflich konsequent.

Ein eigener Staat ist nicht nur eine Verwaltungsform. Er ist:

ein Ort der Selbstdefinition (Name, Narrative, Symbole, Bildung)

ein Schutzraum gegen Fremdzuweisung

ein Rahmen, in dem Identität nicht ständig beweisen muss, dass sie existiert

Ohne diesen Rahmen entsteht eine asymmetrische Situation: Die dominante Staatsnation besitzt alle Instrumente, um Identität zu normieren; die staatenlose Nation besitzt keinen institutionellen Resonanzraum, in dem Selbstdefinition „normal“ wird.

Deshalb wirkt die Rede von Assimilation oft wie eine Verschiebung: Sie klingt so, als gäbe es zwei Einheiten (Mehrheitsnation und Minderheit), die in einem Staat interagieren. Aber die kurdische Realität ist häufig: eine Nation ohne Staat wird von mehreren Staaten gleichzeitig administriert und definiert – und ihre nationale Existenz wird dabei als Problem behandelt.

5. Assimilation vs. Identitätsersatz: Eine analytische Unterscheidung

Um die Diskussion zu klären, braucht es eine Differenzierung. Ich schlage drei Begriffe vor:

5.1 Assimilation (klassisch)

Angleichung einer Minderheit an die Mehrheitsnation innerhalb eines anerkannten Staatsrahmens.

Minderheit existiert als Kategorie

Prozess zielt auf „Aufgehen“

oft begleitet von Versprechen sozialer Zugehörigkeit (wenn auch asymmetrisch)

5.2 Zwangsnationalisierung / Identitätsersatz

Ersetzung einer nationalen Selbstdefinition durch eine staatliche Identität, wobei die ursprüngliche Selbstdefinition nicht als legitim anerkannt wird.

nicht „Aufgehen“, sondern „Ersetztwerden“

nicht Integration, sondern Verpflichtung

zentrale Achse: Staatsmacht → Definition

5.3 Negation / innere Kolonisierung

Verweigerung, dass eine Nation als solche existiert, und gleichzeitige territoriale Kontrolle ihres Lebensraums.

Nation soll nicht nur „aufgehen“, sondern „nicht vorkommen“

Sprache, Geschichte, Symbole werden zu Sicherheitsfragen oder Verwaltungsproblemen

Diese Unterscheidung ist nicht kosmetisch. Sie erklärt, warum Menschen, die ihre Staatsidentität „zufrieden“ tragen, für andere Kurden wie ein Widerspruch wirken: In einem Negationsregime ist „Zufriedenheit“ oft nicht bloß Meinung, sondern Ergebnis einer strukturellen Ordnung, die Alternativen begrenzt.

6. Warum Armenien und Aserbaidschan „assimilationstauglicher“ wirken können

Die Aussage „In Armenien/Aserbaidschan ist das eher Assimilation“ lässt sich begrifflich so verstehen:

Dort liegt oft ein stärkerer Fokus auf:

einem klaren Nationalstaat

einer dominanten Staatsnation

Minderheiten, die als Minderheiten regiert werden

Programmen der sprachlichen/kulturellen Angleichung

einer politischen Logik, die auf Homogenisierung des Staatsvolks zielt

Kurz: Der Prozess sieht dort eher aus wie ein klassisches Assimilationsmodell:

Ein Staat formt sein Staatsvolk.

Während die kurdische Situation strukturell eher so erscheint:

Mehrere Staaten verhindern die nationale Selbstverständlichkeit einer staatenlosen Nation.

Das ist eine andere Lage. Man kann ähnliche Mittel beobachten (Schule, Sprache, Repression), aber das Ziel und die logische Grundstruktur unterscheiden sich.

7. Der psychologische Effekt falscher Begriffe: Wenn Analyse zur Vereinnahmung wird

Falsche Begriffe können selbst eine Form der Vereinnahmung sein. Wenn man Kurden sagt: „Ihr seid assimiliert“, klingt das, als sei die Sache eine Art „sozialer Prozess“, vielleicht sogar ein Defizit der Betroffenen: „Sie haben halt ihre Kultur verloren.“

Aber wenn das Grundproblem Negation/Ersetzung ist, dann ist „Assimilation“ nicht nur ungenau – es verschiebt Verantwortung:

von staatlicher Struktur zu individueller Anpassung

von politischer Gewalt zu kultureller „Entwicklung“

von Verweigerung von Existenz zu „Integration“

Für Menschen, die eine nationale Identität nicht als Lifestyle, sondern als Existenzfrage fühlen, ist diese Verschiebung nicht akademisch. Sie ist entwürdigend.

8. Konsequenzen: Was eine präzisere Sprache ermöglicht

Wenn man aufhört, alles „Assimilation“ zu nennen, wird einiges klarer:

Das zentrale Problem ist nicht Kulturverlust, sondern die Verhinderung von Selbstdefinition.

Zugehörigkeit ist nicht automatisch positiv, wenn sie unter Bedingungen der Ersetzung entsteht.

Die Debatte ist nicht „arm vs. reich“, sondern „Existenz vs. Negation“ (politisch/ontologisch).

Leise Kurden verlieren nicht ihre Identität, sondern oft die Möglichkeit, sie ohne Risiko zu leben.

„Integration“ kann ein Euphemismus sein, wenn sie die Bedingung der Anerkennung nicht erfüllt.

9. Schluss: Nicht dazugehören wollen ist kein Trotz, sondern Konsequenz

Wer sagt „Ich will gar nicht dazugehören“, wird oft missverstanden: als isolationswillig, extrem, unsozial. Aber unter Bedingungen nationaler Negation ist „Dazugehören“ häufig nicht einfach ein freundlicher Zustand – es ist eine Bewegung zurück in fremde Sphären, in fremde Definitionen, in fremde Maßstäbe.

Wenn die eigene nationale Existenz nicht anerkannt wird, kann Zugehörigkeit zu anderen Ordnungen wie ein Sog wirken: Man wird messbar, einordnungsfähig, verwendbar – aber nicht wirklich sichtbar.

Deshalb ist der begriffliche Streit um „Assimilation“ letztlich ein Streit um den Satz:

Dürfen wir als wir selbst existieren – oder nur als Teil eurer Ordnung?

Und genau dort entscheidet sich, welche Worte tragen – und welche nur verdecken.

Kurze Thesen (für den Anfang oder als TL;DR)

Assimilation ist ein Begriff, der meist einen anerkannten Staatsrahmen voraussetzt.

Die kurdische Situation ist oft besser als Negation/Ersetzung/Zwangsnationalisierung beschreibbar.

Armenien/Aserbaidschan können eher klassischen Assimilationslogiken entsprechen, weil staatliche Homogenisierung dort anders strukturiert ist.

Falsche Begriffe verschieben Verantwortung und verharmlosen strukturelle Verweigerung von Existenz.

„Nicht dazugehören wollen“ kann eine konsequente Antwort auf Vereinnahmungslogiken sein.