Wer hätte lernen sollen
Die Heilige Jungfrau Maria lebt hier.
Seit Jahren.
Ohne Artikel, ohne Satzbau,
ohne Scham.
Man reicht ihr die Formulare.
Man redet langsam.
Man nickt, wenn sie nicht versteht.
Man trägt sie mit —
auf sanften, weißen Händen.
Aber der Kurde?
Er muss perfekt sein.
Makellos.
Fehlerfrei.
Mit Zertifikat und Lächeln.
Denn wenn er stottert,
wird er fremd.
Wenn er zögert,
wird er bedrohlich.
Er sitzt neben Deutschen.
Spricht ihre Sprache besser als sie.
Aber keiner fragt Die Heilige Jungfrau Maria:
„Warum sprichst du sie nicht?“
Niemand fragt sie,
wie lange sie schon hier ist.
Wie viel sie verdient.
Wessen Platz sie einnimmt.
Der Kurde hat keine Schonfrist.
Keine Nachsicht.
Nur Erwartungen.
Nur Prüfungen.
Nur das ständige Gefühl:
„Ich muss beweisen,
dass ich überhaupt hier sitzen darf.“
Man sagt ihm:
„Du hättest Deutsch schon bei der Geburt sprechen sollen.“
Er fragt sich:
„In welchem Bauch genau?
Dem, der Kurdisch verschwieg, um nicht aufzufallen?
Der sich selbst die Sprache aus der Kehle schnitt,
bevor das Kind sie hören konnte?“
Er wurde nicht in eine Wiege gelegt,
sondern in ein System geworfen.
Ein System, das sagt:
„Sprich! Aber nicht zu viel.
Lerne! Aber frag nicht.
Sei da! Aber gehör nicht dazu.“
Und dann kommt sie –
die Heilige Jungfrau Maria,
ohne Sprachtest, ohne Zweifel.
Und man reicht ihr alles,
was er sich nicht einmal denken darf.
Jemand rief einmal auf der Straße “Maria” – nicht zu mir, sondern an mir vorbei.
Ein Spott vielleicht, ein Irrtum, ein Zeichen.
Ich habe darüber gelächelt, kurz gezuckt.
Und jetzt – ist diese Maria wirklich in mein Leben getreten.
Nicht als Licht.
Sondern als Wand, als Schatten, als stumme Siegerin.