Weisheiten für das digitale Leben

Macht uns das Smartphone wirklich dümmer? Was die Forschung nach sieben Jahren sagt

McTaggart: The Storm

In der heutigen digital vernetzten Welt ist das Smartphone für viele von uns ein ständiger Begleiter. Doch wie wirkt sich die blosse Anwesenheit dieses Geräts auf unsere kognitive Leistungsfähigkeit aus? Diese Frage wurde erstmals durch die sogenannte Brain-Drain-Hypothese aufgeworfen, die besagt, dass bereits die Anwesenheit eines Smartphones unsere geistigen Kapazitäten beeinträchtigen kann. In diesem Beitrag möchte ich mir die ursprüngliche Studie anschauen und sie mit den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen konfrontieren, die die Validität dieser Annahme infrage stellen.

Die ursprüngliche These: Smartphones als „kognitive Vampire“

Die Brain-Drain-Hypothese wurde durch eine einflussreiche Studie im Jahr 2017 im Journal of the Association for Consumer Research eingeführt. Die Studie mit dem Titel „Brain Drain: The Mere Presence of One’s Own Smartphone Reduces Available Cognitive Capacity“ [1] wurde vom Psychologen Adrian F. Ward und seinen Kollegen durchgeführt. Ward und sein Team wollten herausfinden, ob die blosse Anwesenheit eines Smartphones die kognitive Leistung beeinträchtigt, insbesondere das Arbeitsgedächtnis – das mentale System, das uns hilft, Informationen über das, was wir gerade tun, zu speichern.

In den Experimenten der Studie mussten die Teilnehmer Wörter erinnern und gleichzeitig mathematische Aufgaben lösen, um die Beanspruchung des Arbeitsgedächtnisses zu messen. Die Probanden hatten ihre Smartphones entweder auf dem Tisch, in der Tasche oder in einem anderen Raum. Die Ergebnisse zeigten, dass die Teilnehmer umso besser abschnitten, je weiter entfernt ihr Smartphone war. Dies deutete darauf hin, dass selbst die blosse Anwesenheit eines Smartphones kognitive Ressourcen beansprucht, selbst wenn man nicht aktiv daran denkt.

Die Überprüfung: Eine Meta-Analyse räumt auf

Seit der Veröffentlichung der ursprünglichen Studie von Ward et al. im Jahr 2017 haben weitere Forscher versucht, die Brain-Drain-Hypothese zu überprüfen und zu bestätigen. Eine der umfassendsten dieser Untersuchungen ist eine Meta-Analyse von Douglas A. Parry aus dem Jahr 2022 mit dem Titel „Does the mere presence of a smartphone impact cognitive performance? A meta-analysis of the 'brain drain effect'“. [2] Parry, ein Dozent für Sozioinformatik an der Stellenbosch-Universität, analysierte Daten aus 27 verschiedenen Studien, um ein klareres Bild von der tatsächlichen Wirkung der Smartphone-Präsenz auf die kognitive Leistung zu erhalten.

Ich finde es wichtig zu verstehen, was Parry in seiner Meta-Analyse untersuchte: Er betrachtete fünf kognitive Funktionen – Arbeitsgedächtnis, anhaltende Aufmerksamkeit, Inhibitionskontrolle, kognitive Flexibilität und fluide Intelligenz. Insgesamt analysierte er 56 Effektgrössen aus den 27 Studien. Die Ergebnisse waren aufschlussreich: Von den fünf kognitiven Funktionen zeigte nur das Arbeitsgedächtnis einen statistisch signifikanten negativen Effekt durch die Anwesenheit eines Smartphones. Bei den anderen vier kognitiven Funktionen fanden sich keine signifikanten Effekte.

Dies steht im Einklang mit den ursprünglichen Ergebnissen von Ward und seinen Kollegen, jedoch mit einer wichtigen Einschränkung: Parrys Meta-Analyse ergab, dass der negative Effekt auf das Arbeitsgedächtnis wesentlich kleiner war als ursprünglich angenommen. Während Ward et al. einen deutlichen Einfluss auf das Arbeitsgedächtnis fanden, zeigte Parrys Analyse, dass dieser Effekt zwar vorhanden, aber relativ gering war.

Diese Diskrepanz zwischen den ursprünglichen Ergebnissen und den Meta-Analyse-Ergebnissen deutet darauf hin, dass die blosse Anwesenheit eines Smartphones nicht so stark beeinträchtigend ist, wie zunächst vermutet. Die Meta-Analyse wirft auch Fragen zur individuellen Variabilität auf: Wie stark jemand von der Anwesenheit eines Smartphones beeinträchtigt wird, könnte von persönlichen Faktoren abhängen, wie der Bedeutung, die der Person ihr Smartphone zumisst, oder der Anfälligkeit für das sogenannte „Fear of Missing Out“ (FOMO). [3] Diese Faktoren könnten erklären, warum einige Personen stärker betroffen sind als andere.

Also eher ein Brain-Drip statt einem Brain-Drain?

Was bedeuten diese Erkenntnisse nun für Dich und mich im Alltag? Die anfänglichen Befürchtungen, dass Smartphones uns zu kognitiven Wracks machen, scheinen übertrieben gewesen zu sein. Die Forschung der letzten Jahre zeichnet ein deutlich differenzierteres Bild: Ja, es gibt einen messbaren Effekt auf unser Arbeitsgedächtnis, wenn das Smartphone in Reichweite liegt – aber dieser Effekt ist klein und betrifft längst nicht alle kognitiven Fähigkeiten gleichermassen.

Statt eines dramatischen „Brain-Drain“ – eines massiven Abflusses unserer geistigen Kapazitäten – erleben wir eher einen „Brain-Drip“: ein leichtes, kontinuierliches Tröpfeln, das zwar messbar ist, aber bei weitem nicht die katastrophalen Ausmasse hat, die manche Schlagzeilen suggerieren.

Dennoch lohnt es sich, über den eigenen Smartphone-Gebrauch nachzudenken. Die Forschung zeigt, dass individuelle Unterschiede eine Rolle spielen: Wer stark auf sein Smartphone angewiesen ist oder unter ausgeprägtem FOMO leidet, könnte stärker beeinträchtigt sein als andere. Die spannende Frage ist also nicht „Macht das Smartphone uns alle dümmer?“, sondern „Wie sehr beeinflusst mein Smartphone mich persönlich – und möchte ich daran etwas ändern?“

Vielleicht ist das Smartphone beim nächsten Mal, wenn Du Dich auf eine anspruchsvolle Aufgabe konzentrieren möchtest, tatsächlich besser in der Tasche oder im Nebenzimmer aufgehoben. Nicht weil die Wissenschaft uns dazu zwingt, sondern weil es sich für Dich richtig anfühlt. Die Entscheidung liegt bei Dir – und das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis überhaupt.


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Fussnoten
[1] https://doi.org/10.1086/691462
[2] https://doi.org/10.1080/15213269.2023.2286647
[3] Es gibt eine offizielle psychologisch validierte Skala für FOMO aus dem Jahr 2013: https://doi.org/10.1016/j.chb.2013.02.014

Bildquelle
William McTaggart (1835–1910): The Storm, National Galleries of Scotland, Edinburh, Public Domain.

Disclaimer
Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet.

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Michael Gisiger

Michael Gisiger

Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung. Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität, PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.