Notizen eines Fiktionauten.

008 Die Geister der Kindheit

Die Geister der Kindheit sitzen machmal an einem kleinen, unscheinbaren Bach mit schattigen Bäumen, direkt hinter dem hohen Turm einer Landwirtschaftsgenossenschaft.

Heute, im Klettgau.

Hier ist man nass geworden, hat den Bach an einer inzwischen verloren gegangenen Schleuse aufgestaut, ist im Gras gelegen, hat vor sich hingeträumt. Hier war man von der Mühsal und Tristesse des Elternhauses befreit, ist spielend und singend und die Landschaft in sich aufnehmend ein erwachsender Mensch geworden. Man durfte wild sein und schmutzig und voller krauser Ideen: das wurde zuhause akzeptiert. Man war anders als die anderen. Als eine Freundin ins Wasser fiel, hatte es diese nicht gewagt, nach Hause zurückzukehren. Zu gross war die Angst vor dem Verdruss gewesen, der dort auf sie wartete. Das hatte man selbst nie erlebt.

Selten wussten die Eltern, wo man sich herumtrieb. Sie hatten Wichtigeres zu tun, als dem Kind die Kindheit zu rauben oder hinter ihm herzuschnauben. Ein Dorf, das bis heute sich nicht sehr verändert hat: mit einer Trinkerin (vor deren Messer man sich fürchtete), einer Verrückten (“der Ungarin”) und einer verkappten Prostituierten (die in der nächsten Stadt ihrem Gelegenheitsgewerbe nachging). Daran konnte man sich bis heute, 50 Jahre danach, erinnern. Das waren die Charaktere des Dorfes, die Eindruck machten.

Mit dem Leiterwagen ist das Kind machmal losgezogen, auf dem Hammer und Meissel lagen, mit einem Haufen von Versteinerungen ist es nach Hause zurückgekehrt und anderen bemerkenswerten Fundstücken. Wo diese verlorengegangen sind, weiss man bis heute nicht. In Vielem lag jedenfalls ein Zauber. Von diesen Geistern hatten die Erwachsenen nichts geahnt.

Vielleicht war es auch so, wie es sich bei der grossen Annette Droste-Hülshoff vor 200 Jahren begab, die, ebenfalls die Versteinerungen ihrer Umgebung sammelnd, ebenfalls ein Stück weit ihrer Einsamkeit und Besonderheit entkam. In ihrem Gedicht “Die Mergelgrube” schreibt die Droste von dem Zustand, in einer Blase der Glückseligkeit gefangen zu sein:

Tief in's Gebröckel, in die Mergelgrube
War ich gestiegen, denn der Wind zog scharf;
Dort saß ich seitwärts in der Höhlenstube,
Und horchte träumend auf der Luft Geharf.

Als ich ihr von diesem Gedicht erzähle, kommen Tränen.

#Erinnerung #Klettgau #AnnetteDrosteHülshoff