Verarbeitungstexte über Trauma, Trauer und die Entdeckung vom Eigenen.

Therapiephase

Heute in der Therapie.
Durchgeweint.
Zum dritten Mal.

Du bist wie ein Fels.
Ich bin die Brandung.
Meine Gefühle sind
wie riesige Wellen
die gegen den Fels schlagen.

Warum umarmst du mich nicht?
Warum gerade das nicht?
Das, was ich mir
am meisten wünsche?
Das, wonach sich
alles in mir verzehrt?
Das, was in mir brennt
wie ein Feuer?

Wir sind so nahe.
Und doch darf ich
dich nicht berühren.

Alle Wut.
Alle Verzweiflung.
Aller Schmerz
wirft sich dir entgegen.

Entlädt sich an dir.
Bezieht sich auf dich.
Klagt dich an.
Überschwemmt dich
ungebremst
und mit aller Wucht.

Aber du bist geduldig.
Du hältst meine Gefühle aus.
Du stehst alles mit mir durch.
Und erklärst mir alles
zum hundertsten Mal.

Dass es alte Gefühle sind.
Dass ich das als Kind
durchleben musste.
Dass der Vater
keine Nähe zuliess.

Dass die Verzweiflung
in Wirklichkeit
auf ihn gerichtet ist.
Auf den Kindheitsvater.

Dass das Fehlen des Vaters
ein Verlust ist.
Ein besonders
schwieriger Verlust.
Ein besonders
komplizierter Verlust.
Der Verlust von etwas,
das gar nie da war.
Und deshalb auch
schwer zu fassen.

Diffus.
Nicht greifbar.
Überdeckt
von Schamgefühlen
und Schutzmauern.
Tief vergraben
und lange unsichtbar.
Undefinierbar.

Aber nicht weniger
schmerzvoll
als ein sichtbarer Verlust.
Nicht weniger ernst.
Nicht weniger wichtig.
Nicht weniger echt.

Das sagst du mir heute
nochmals.

Mein Weinen
kommt in Wellen.
Starke,
grosse,
wilde Wellen,
die sich dir
entgegenschleudern
und sich an dir brechen.

Wieder.
Und wieder.
Und wieder.

Und indem sie sich
an dir brechen,
werden sie kleiner
und sanfter.

Bis sie sich beruhigt haben
und das Meer
glatt und still daliegt.
Friedlich.
Ruhig.

Geborgen.
Gehalten.

Irgendwann
ist der Sturm vorbei.

Hoffe ich.

#Therapie